Was der größte Kryptodiebstahl der Geschichte für Anleger bedeutet
Hacker haben bei der Kryptobörse Binance Kryptowerte im Wert von rund 6,3 Milliarden Dollar erbeutet. Binance verspricht, alle Verluste zu übernehmen. Dr. Marco Rogert von Rogert & Ulbrich warnt im FOCUS, dass diese Zusage keine Einlagensicherung ist. Wir erklären, worauf sich Kunden verlassen können und was Geschädigte jetzt selbst tun sollten.
Was bei Binance passiert ist
Der Angriff auf Binance gilt als größter Kryptodiebstahl der Geschichte. FOCUS online hat am 30. Oktober 2026 ausführlich darüber berichtet und Dr. Marco Rogert dazu befragt. Die wichtigsten Fakten im Überblick:
- Zeitpunkt: Der Angriff begann am Abend des 29. Oktober 2026. Innerhalb von rund 20 Minuten flossen Kryptowerte aus den Wallets der Börse ab.
- Schaden: Die Blockchain-Analysten von TRM Labs beziffern die Beute auf rund 6,36 Milliarden Dollar. Das ist etwa das Vierfache des bisherigen Rekords beim Angriff auf die Börse Bybit im Februar 2025.
- Einfallstor: Nach ersten Angaben von Binance könnte der Laptop eines IT-Mitarbeiters kompromittiert worden sein. Darüber sollen die Täter Zugang zu den Systemen erhalten haben, mit denen Binance Auszahlungen freigibt.
- Umfang: Die Täter griffen gleichzeitig auf zehn Blockchain-Netzwerken zu, darunter Bitcoin, Ethereum und Solana.
- Täter: TRM Labs ordnet den Angriff der Hackergruppe TraderTraitor zu, die Nordkorea zugerechnet wird. Das FBI hatte dieselbe Gruppe bereits für den Bybit-Hack verantwortlich gemacht.
- Eingefrorene Werte: Stablecoin-Herausgeber wie Tether und Circle sperrten gemeinsam mit weiteren Unternehmen nach erster Auswertung rund 2,7 Milliarden Dollar.
- Zusage von Binance: Mitgründerin Yi He kündigte an, sämtliche Verluste aus dem Angriff zu decken.
Der Bitcoin-Kurs fiel nach dem Angriff zeitweise auf rund 76.500 Dollar. Auch andere Kryptowährungen und Aktien von Kryptounternehmen gerieten unter Druck.
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Wer den Schlüssel kontrolliert, kontrolliert das Geld
Der Bitcoin selbst wurde bei dem Angriff nicht geknackt. Niemand hat die Blockchain manipuliert. Die gestohlenen Coins sind technisch genauso gültig wie alle anderen. Die Schwachstelle lag an anderer Stelle: bei der Verwahrung.
Kryptowährungen liegen nicht in einem Tresor. Sie existieren als Einträge in einer öffentlichen Datenbank, der Blockchain. Wer über den passenden privaten Schlüssel (Private Key) verfügt, kann die Coins an eine andere Adresse übertragen. Die Blockchain prüft nur, ob eine Überweisung gültig signiert ist. Wer sie signiert hat, prüft sie nicht.
Genau das haben die Täter ausgenutzt. Für die Blockchain sahen ihre Auszahlungen aus wie reguläre Transaktionen. Die Technik hat korrekt gearbeitet, nur zugunsten der falschen Empfänger.
Für Anleger ist deshalb entscheidend, wer die Schlüssel hält:
- Guthaben auf einer Börse: Die Börse verwahrt die Schlüssel. Kunden haben keinen direkten Zugriff auf bestimmte Coins, sondern einen vertraglichen Anspruch gegen die Börse.
- Eigene Wallet: Wer seine Kryptowerte in einer eigenen Wallet hält, kontrolliert die Schlüssel selbst. Ein Hack bei einer Börse betrifft diese Werte nicht.
- Eigene Verantwortung: Bei einer eigenen Wallet tragen Sie die volle Verantwortung für Zugangsdaten und Wiederherstellungsphrase (Seed Phrase). Geht sie verloren oder gerät sie in falsche Hände, hilft keine Börse.
Liegen größere Bestände dauerhaft auf einer einzigen Börse? Prüfen Sie, welche Rechte Ihnen im Ernstfall tatsächlich zustehen.
Warum die Zusage von Binance keine Einlagensicherung ist
Binance hat angekündigt, die Verluste aus dem Angriff vollständig auszugleichen. Nach eigenen Angaben hat die Börse bereits damit begonnen, betroffene Nutzer zu entschädigen. Für Kunden ist das zunächst eine gute Nachricht.
Dr. Marco Rogert ordnet die Zusage gegenüber FOCUS online nüchtern ein: „Die Zusage von Binance ist ein Versprechen, keine Einlagensicherung.“ Geschädigte sollten sich deshalb nicht allein darauf verlassen.
Der Unterschied ist wichtig. Für Bankguthaben gibt es in der EU eine gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro je Kunde und Bank. Sie greift unabhängig davon, ob die Bank zahlen will oder kann. Für Guthaben bei Kryptobörsen gibt es keine vergleichbare gesetzliche Sicherung.
Die Zusage von Binance hängt deshalb an der Zahlungsfähigkeit und am Willen des Unternehmens. Nach dem FOCUS-Bericht lag der Sicherheitsfonds der Börse zuletzt bei rund einer Milliarde Dollar. Selbst nach dem Einfrieren eines Teils der Beute bleibt ein Schaden in Milliardenhöhe, der aus anderen Mitteln gedeckt werden müsste.
Hinzu kommt die Frage der Aufsicht. In der EU verpflichtet die MiCA-Verordnung zugelassene Kryptodienstleister, die Werte ihrer Kunden getrennt vom eigenen Vermögen zu verwahren. Nach Medienberichten verfügt Binance in der EU bislang über keine Zulassung nach MiCA. Ob und wie eine Börse nach einem Hack haftet, hängt deshalb auch davon ab, mit welcher Gesellschaft der Vertrag besteht und welche Nutzungsbedingungen gelten.
Verlassen Sie sich nicht allein auf Ankündigungen der Börse. Halten Sie Ihre Kontostände jetzt fest, solange alle Daten verfügbar sind.
Die Blockchain vergisst nichts: Wie gestohlene Werte nachverfolgt werden
Ausgerechnet zentrale Stellen haben einen Teil der Beute gerettet. Stablecoins sind digitale Währungen, deren Wert an den US-Dollar gekoppelt ist. Ihre Herausgeber können bestimmte Adressen sperren. Nach Angaben von TRM Labs blockierte Tether rund 1,77 Milliarden Dollar, Circle weitere 825 Millionen Dollar.
Bei Bitcoin und Ether ist das schwieriger. Dort gibt es keine Stelle, die eine Überweisung stoppen kann. Nach der ersten Analyse halten die Täter unter anderem mehr als 18.000 Bitcoin und Hunderttausende Ether. Unauffindbar sind diese Werte aber nicht.
Der im FOCUS-Bericht ebenfalls zitierte Kryptoforensiker David Lüdtke weist darauf hin, dass jede Transaktion auf der Blockchain öffentlich einsehbar bleibt. Täter versuchen, ihre Beute über Mixer, Brücken zwischen verschiedenen Blockchains und Händler außerhalb der Börsen zu verschleiern. Spätestens beim Umtausch in Euro oder Dollar führt der Weg aber in der Regel über Börsen, die ihre Kunden identifizieren müssen.
Für Geschädigte ist das der entscheidende Ansatzpunkt. Eine Blockchain-Analyse macht den Weg der Gelder Schritt für Schritt nachvollziehbar. Landen gestohlene Werte bei einer regulierten Börse oder einem Stablecoin-Herausgeber, lässt sich dort unter Umständen eine Sperre erreichen.
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Was Geschädigte jetzt selbst tun sollten
Nach Einschätzung von Dr. Marco Rogert verbessern Betroffene ihre Position deutlich, wenn sie selbst aktiv werden. Das gilt für Kunden von Binance ebenso wie für alle, die bei einem Hack oder Betrug Kryptowerte verloren haben:
- Kontostände dokumentieren: Sichern Sie Bestände, Kontoauszüge und Transaktionshistorien als Screenshot und Export. Im Streitfall sind sie die wichtigste Grundlage.
- Kommunikation sichern: Bewahren Sie alle E-Mails, Chatverläufe und Mitteilungen der Börse auf, auch Ankündigungen zur Entschädigung.
- Strafanzeige erstatten: Bei Diebstahl oder Betrug sollten Sie Anzeige bei der Polizei erstatten. Das Aktenzeichen hilft bei späteren Auskunftsersuchen.
- Transaktionen nachverfolgen lassen: Ein forensisches Gutachten zeigt, wohin die Coins geflossen sind und bei welchen Börsen sie gelandet sind.
- Konten sperren lassen: Mit einem solchen Gutachten lässt sich bei Börsen, auf denen Teile der Beute landen, die Sperrung von Konten anstoßen.
- Auskunft und Ansprüche: Auf dieser Grundlage können Auskünfte über die Kontoinhaber eingefordert und Ansprüche gegen die Empfänger durchgesetzt werden.
Bleibt eine Auszahlung länger gesperrt, gelten die Grundsätze bei verweigerten Auszahlungen durch Kryptobörsen: Auskunft über die Gründe verlangen, eine angemessene Frist setzen und jeden Schritt dokumentieren. Ob aus einer vorübergehenden Sperre Ansprüche entstehen, hängt von den Nutzungsbedingungen der Börse und vom Einzelfall ab.
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Vorsicht vor falschen Helfern nach dem Hack
Große Angriffe ziehen Trittbrettfahrer an. Dr. Marco Rogert warnt im FOCUS: Nach jedem großen Hack geben sich Betrüger als Binance-Support, als Ermittler oder als sogenannte Recovery-Firmen aus. Sie versprechen, verlorene Kryptowerte gegen Vorkasse zurückzuholen.
Typische Warnzeichen sind:
- Unaufgeforderter Kontakt: Jemand meldet sich per Anruf, E-Mail oder über soziale Netzwerke und bietet Hilfe im Zusammenhang mit dem Binance-Hack an.
- Vorkasse: Sie sollen eine Gebühr zahlen, bevor die angebliche Rückholung beginnt.
- Fragen nach Zugangsdaten: Seriöse Hilfe verlangt nach den Worten von Dr. Marco Rogert niemals Zugangsdaten oder die Wiederherstellungsphrase einer Wallet.
- Übertragung auf eine neue Wallet: Sie sollen Ihre Coins zur Sicherheit auf eine angeblich geschützte Adresse übertragen.
- Garantien: Wer zusagt, gestohlene Kryptowerte sicher zurückzuholen, verspricht etwas, das niemand seriös zusagen kann.
- Zeitdruck: Sie sollen sofort handeln, weil Ihr Guthaben angeblich in Gefahr ist.
Informieren Sie sich ausschließlich über die offiziellen Kanäle der Börse. Wer bereits auf eine solche Masche des Online-Betrugs hereingefallen ist, sollte keine weiteren Zahlungen leisten, die eigene Bank informieren und Anzeige erstatten.
Sie wurden von einer angeblichen Recovery-Firma kontaktiert oder haben bereits gezahlt? Zahlen Sie nichts weiter und lassen Sie sich sofort beraten.
Rogert & Ulbrich – Ihre Anwälte bei Kryptobetrug und Problemen mit Kryptobörsen
Rogert & Ulbrich vertritt Anleger und Verbraucher im Bank- und Kapitalmarktrecht und bei Kryptobetrug. Die Partner Dr. Marco Rogert und Tobias Ulbrich verfügen über umfangreiche Erfahrung mit Streitigkeiten gegen Kryptobörsen, Zahlungsdienstleister und Banken. Dr. Marco Rogert ist Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht.
Wir prüfen, ob Ihnen Ansprüche gegen eine Börse oder gegen die Empfänger gestohlener Werte zustehen. Wir stoßen Kontosperrungen an, verlangen Auskunft über Kontoinhaber und setzen Ihre Rechte außergerichtlich und vor Gericht durch. Bei der Nachverfolgung von Transaktionen arbeiten wir mit Spezialisten für Blockchain-Forensik zusammen.
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